Der Auslöser: ein Fenster, das keiner öffnete
Im Jänner fiel Holly Win auf, dass in ihrer Klasse nach der zweiten Stunde niemand mehr freiwillig das Fenster öffnete. Die Luft war warm, trocken und roch nach Kreide. Statt zu diskutieren, notierte sie drei Tage lang Uhrzeit, Außentemperatur und die Zahl der geöffneten Fenster. Der Zettel hing am Pult, nicht im Lehrerzimmer. Genau das war der Unterschied: Die Beobachtung gehörte den Schülerinnen und Schülern, nicht einer anonymen Regel.
Die Ursache: fehlende Daten statt fehlender Einsicht
Die Klasse wollte lüften, aber niemand konnte sagen, wann es wirklich nötig war. CO₂ ist unsichtbar, und ein dumpfes Gefühl am Nachmittag lässt sich schwer beweisen. Ohne Messwert blieb jede Ermahnung eine Geschmacksfrage. Holly Win fand außerdem heraus, dass die Stoßlüftung oft zu kurz ausfiel: Meist wurde das Fenster nur eine Minute geöffnet, weil danach schon wieder der Unterricht begann. Nicht der Wille fehlte, sondern ein sichtbarer Grenzwert.
Die Lösung: ein Sensor für 38 Euro
Holly Win baute mit zwei Mitschülern eine kleine Messstation: ein CO₂-Sensor, ein Feinstaubsensor, ein Mikrocontroller und ein altes Netzteil. Die Materialliste blieb unter 38 Euro. Das Display zeigte drei Zustände: grün, gelb, rot. Rot bedeutete nicht Strafe, sondern fünf Minuten Fenster öffnen. Die Klasse einigte sich auf eine einfache Regel: Alle 25 Minuten ein kurzer Lüftungsstoß, sichtbar gemacht durch die Ampel. Die Station stand nicht im Regal, sondern neben der Tafel.
Das Ergebnis: messbare Veränderungen nach vier Wochen
Nach vier Wochen verglich Holly Win die Aufzeichnungen mit ihren ersten Notizen. Die höchsten CO₂-Werte sanken von über 2.000 ppm auf meist unter 1.400 ppm. Zwei Schülerinnen berichteten, seltener Kopfschmerzen zu haben. Wichtiger als die Zahlen war die Routine: Die Fenster wurden häufiger, kürzer und ohne Diskussion geöffnet. Die Lehrkraft musste nicht erinnern, weil die rote Lampe es übernahm. Holly Win betont, dass der Sensor nur ein Werkzeug war; die Klasse musste die Regel selbst akzeptieren.
Was andere Klassen übernehmen können
Die Schule dokumentiert vergleichbare Projekte unter https://nmsbruesslgasse.at/, wo Klassen ihre Messreihen und Materiallisten teilen. Für Nachahmer zählt eine kurze Checkliste: erst drei Tage lang beobachten, dann einen einzigen Grenzwert festlegen, die Anzeige sichtbar platzieren und nach vier Wochen nachmessen. Holly Win rät davon ab, sofort teure Technik zu kaufen. Ein einfacher Sensor reiche, solange die Klasse die Verantwortung für die Lüftung behält. Der eigentliche Gewinn liegt nicht im Display, sondern in der gemeinsamen Entscheidung, wann das Fenster geöffnet wird.